Corona und unser Bedürfnis nach Sicherheit

Mit Bedürfnissen ist das so eine Sache. Wir kennen sie alle, wir haben sie alle. Wir haben ein Bedürfnis nach Verbundenheit, nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Freundschaft, Freiheit, Verständnis, Wachstum, Ordnung, Autonomie, Selbstentfaltung, Austausch, Anerkennung, Erholung, Abenteuer, Geborgenheit und so vielen mehr … Die Liste ist unendlich lang.


Es verbindet uns Menschen, dass wir alle diese Bedürfnisse haben und genau wissen, wie es sich anfühlt, wenn sie erfüllt oder eben nicht erfüllt sind.


Was uns jedoch trennt, ist dass wir alle sehr unterschiedliche Vorstellungen haben, WAS GENAU wir brauchen, damit diese Bedürfnisse erfüllt sind. Aus aktuellem Anlass nehmen ich heute einmal das Bedürfnis nach Sicherheit.



Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, wenn wir uns in Sicherheit zu fühlen. Wir alle können - mehr oder weniger deutlich - benennen, was uns verunsichert und wann wir uns sicher fühlen .


Hier kommt das Problem:

Das ist von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden.


Im Umgang mit Corona lässt sich das sehr gut beobachten:


- Für den einen erfüllt sich das Bedürfnis nach Sicherheit durch viel Information. Der nächste fühlt sich durch die ganzen Informationen verunsichert.

- Mancher bleibt in diesen Zeiten gerne alleine zuhause und fühlt sich dort in Sicherheit. Andere erleben jetzt besonders in der Gemeinschaft und im Austausch mit anderen das Gefühl von Sicherheit.

- Die einen befürworten die Entscheidungen der Politik in dieser Situation und fühlen sich dadurch sicherer in ihrem Land. Andere fühlen sich genau durch diese Entscheidungen als Bürger in diesem Land stark verunsichert und wünschten sich andere Entscheidungen.


Wer hat Recht?


Ich höre schon den Ruf nach dem „gesunden Menschenverstand“. Doch ist dieser genau betrachtet nicht eigentlich die Aussage: "Ich will nicht hören, was was Sicherheit ganz individuell FÜR DICH bedeutet. Ich fordere dich auf, besser MEINER Vorstellung von Sicherheit zu folgen. (Gerne wird an dieser Stelle die eigene Position verstärkt, in dem ein großes diffuses „Wir“ herbeibeschworen wird: die „Mehrheit" will ... das sehen „alle“ so … „man“ weiß doch … „die Menschen“ möchten jetzt … „wir“ müssen in diesen Zeiten …)


Doch Bedürfnisse lassen sich davon nicht beeindrucken. Auch nicht die Gefühle, die in uns sind, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind. Über unsere Gefühle lässt sich nicht streiten. Gefühle sind immer wahr - für den der sie empfindet.


Und zum Schluss - um hier keiner Illusion zu erliegen:


Politiker und Ärzte sind Menschen und auch sie haben ihre ganz individuelle Vorstellungen, was für sie selbst Sicherheit ausmacht. Das sollte uns allen klar sein: Politiker und Ärzte entscheiden nie völlig unabhängig und im Sinne aller. Sie entscheiden immer auch nach ihren ganz eigenen persönlichen Mustern und individuellen Vorstellung davon, was für sie selbst Sicherheit bedeutet. Das ist zutiefst menschlich. In Interviews lässt sich das gut beobachten ;-)


Spüre für dich in ruhigen Momenten einmal nach:


Was bedeutet für dich persönlich Sicherheit?


Was lässt das Gefühl von Sicherheit für dich schwinden und wodurch wird es bestärkt?


Wie gut kannst du in Bezug auf dein Gefühl von Sicherheit andere Meinungen aushalten?


Komme mit anderen Menschen darüber neugierig ins Gespräch. Krisen sind auch immer eine Chance, sich selbst und andere besser kennenzulernen.